Das nukleare Glashaus des Westens
Öffentlich schwört der Westen Stein und Bein, die russische Kriegsmaschine ökonomisch auszubluten. Doch hinter der glänzenden Fassade offenbart sich eine Realität von strategischer Heuchelei und Doppelmoral.
Öffentlich schwört der Westen Stein und Bein, die russische Kriegsmaschine ökonomisch auszubluten. Doch hinter der glänzenden Fassade der westlichen Einheit offenbart sich eine Realität, die dem offiziellen Narrativ zuwiderläuft. Die Handelsbilanzen für 2025 erzählen eine Geschichte von strategischer Heuchelei, Doppelmoral und einem System von Ausnahmeregelungen, das den Glaubwürdigkeitsverlust des Westens in der globalen Politik beschleunigt. Was sich als konsistente Sanktionspolitik präsentiert, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als pragmatisches Rosinenpicken, bei dem wirtschaftliche Eigeninteressen jene moralischen Prinzipien übertrumpfen, die angeblich den Kern der westlichen Allianz bilden.
Das Uran-Paradoxon: Verbote mit Hintertüren
Das Paradebeispiel dieser Schizophrenie ist der Handel mit angereichertem Uran. Im Mai 2024 unterzeichnete US-Präsident Biden den sogenannten Prohibiting Russian Uranium Imports Act, ein Gesetz, das auf den ersten Blick eine konsequente Umsetzung westlicher Sanktionsverpflichtungen zu versprechen schien. Die Realität jedoch offenbart ein Hintertürchen, das so groß ist wie ein Scheunentor: Das Gesetz enthält Ausnahmegenehmigungen, sogenannte Waivers, die bis zum Jahr 2028 gültig sind. Diese scheinbar technischen Details erweisen sich als zentral für das Verständnis westlicher Außenpolitik im Jahr 2025.
Das Gesetz ermöglicht es der Abteilung für Energie, Ausnahmegenehmigungen zu erteilen, wenn kein alternatives Angebot zur Verfügung steht oder die Einfuhren als im nationalen Interesse erachtet werden. Centrus Energy, das Hauptunternehmen für die Einfuhr von russischem angereichertem Uran in die USA, erhielt bereits mehrere Sondergenehmigungen. Im Februar 2025 lieferte Tenex, eine Rosatom-Tochter, nach Angaben des Unternehmens 100 Tonnen angereichertes Uran in den US-Hafen von Baltimore.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Im Jahr 2023, inmitten von Unsicherheit über zukünftige Lieferketten, kauften die USA russisches Uran im Rekordwert von 1,2 Milliarden US-Dollar. Dies war das höchste Volumen seit 2013 und machte Russland zum größten ausländischen Lieferanten angereichertem Urans für US-Kernreaktoren. Nach einem kurzen Rückgang im Jahr 2024 zeigen die Daten des US-Handelsministeriums für 2025 eine massive Erholung. Laut dem Progressive Policy Institute könnten die Gesamteinfuhren aus Russland bis Ende 2025 die Marke von 5 Milliarden US-Dollar erreichen, ein Plus von fast 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Während Brüssel unter massivem US-Druck mühsam über das 17. Sanktionspaket debattiert, stellt Washington sicher, dass die eigenen 94 Kernreaktoren, die immerhin 20 Prozent des US-Stroms liefern, nicht trockenlaufen. Rosatom verdient schätzungsweise etwa 1 Milliarde Dollar jährlich aus den Exporten von angereichertem Uran in die USA. Die Logik ist dabei erschreckend simpel: Die USA produzieren aktuell weniger als 1 Prozent des weltweit geförderten Urans selbst. Der Aufbau einer autarken Anreicherungskette wird Schätzungen zufolge mindestens bis 2028 dauern.
Palladium, Düngemittel und die Amerika-Zuerst-Politik
Die Heuchelei endet keineswegs beim Atomstrom. In Washington hat man sich eine Strategie der pragmatischen Ausnahme zu eigen gemacht, die man den europäischen Verbündeten kategorisch nicht zugesteht. Laut Daten des US-Handelsministeriums stiegen die US-Importe aus Russland im ersten Halbjahr 2025 um 61 Prozent auf 3,95 Milliarden Dollar an. Über 98 Prozent dieser Importe konzentrieren sich auf etwa 300 Waren, mit Düngemitteln und radioaktiven Stoffen an der Spitze.
Nitrogenhaltige Düngemittel allein machten 43,4 Prozent der Gesamteinfuhren aus, was einem Wert von 1,69 Milliarden Dollar entspricht und einem Anstieg von 87,15 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Russland liefert etwa 15 Prozent aller US-Düngemittelimporte, was etwa 1,3 bis 1,7 Milliarden Dollar pro Jahr ausmacht. Im Jahr 2024 wurden Düngemittel aus Russland für etwa 1,30 Milliarden Dollar importiert, was 15 Prozent aller US-Düngemittelimporte ausmachte. Diese Importe wurden von Washington seit Anfang der Sanktionen von Strafmaßnahmen ausgenommen, angeblich als "humanitäre Ausnahme" zur Dämpfung der Inflation bei Lebensmittelpreisen.
Noch besorgniserregender sind die Edelmetalle. Radioaktive Chemikalien stiegen auf 951,8 Millionen Dollar mit einem Anstieg von 104 Prozent, während Platin um 52,6 Prozent auf 716,7 Millionen Dollar stieg. Palladium und Titan, unverzichtbar für die US-Luftfahrt und High-Tech-Produktion, werden in Milliardenhöhe aus Russland importiert. Russland kontrolliert etwa 40 Prozent der globalen Palladiumproduktion und ist einer der beiden größten Exportmärkte für diesen Rohstoff.
Im Hochsommer 2025 verhängte Präsident Trump zwar Pauschalzölle auf globale Importe, doch kritische Mineralien, einschließlich Uran, Palladium und Titan, wurden hastig per Dekret ausgenommen. Der Grund ist simpel: Die US-Industrie ist ohne russische Rohstoffe kaum wettbewerbsfähig.
Das nukleare Schweigekartell: USA und Frankreich als Komplizen
Frankreich wiederum spielt eine ebenso fragwürdige Rolle in diesem nuklearen Schweigekartell. Das Land präsentiert sich gerne als militärische und moralische Führungsmacht Europas, blockiert aber in Brüssel konsequent jede echte Sanktionierung von Rosatom. Frankreich und Ungarn haben sich systematisch gegen neue EU-Kernkraft-Sanktionen gegen Russland gestellt.
Framatome, eine Tochter der staatlich kontrollierten Energiegruppe EDF, kooperiert weiterhin eng mit Rosatom. Die beiden Unternehmen haben eine langfristige strategische Partnerschaft bereits 2021 unterzeichnet und arbeiten zusammen an mehreren Projekten in Osteuropa. Besonders besorgniserregend ist das Projekt zur Herstellung von Kernbrennstoff im deutschen Lingen. Im Januar 2023 gründeten Framatome und Rosatom ein Gemeinschaftsunternehmen namens European Hexagonal Fuel SAS, das eine Genehmigung von der Regierung von Niedersachsen anstrebt, um VVER-Kernbrennstoff unter Lizenz von Rosatom herzustellen.
Dieses Projekt erhielt über 11.000 öffentliche Einwände, da die russische Seite Kontrolle über kritische Produktionselemente behält, von Ausrüstungslieferungen bis zur Personalschulung. Dies schafft eine neue Form der technologischen Abhängigkeit von Rosatom. Noch 2024 und 2025 wurden große Mengen wiederaufbereiteten Urans zur Weiterverarbeitung nach Sibirien geschickt. Während Paris Waffen an Kiew liefert, kooperiert man bei Großprojekten in Drittstaaten wie Ungarn oder der Türkei weiterhin indirekt mit russischer Expertise.
Europa importierte 2024 insgesamt 700 Millionen Dollar an russischen Uranprodukten, was zwar ein starker Rückgang ist, aber immer noch bedeutsam. Rosatom hält einen Anteil von 20 Prozent der europäischen Uranversorgung, was es dem Unternehmen ermöglicht, Kunden und den Markt zu beeinflussen.
Die Schieflage der Sanktionspolitik
Die Arbeitsteilung zwischen Washington und Paris ist eine Arbeitsteilung der Bequemlichkeit. Washington übt massiven Druck auf Berlin, Rom und Madrid aus, sich von jeglicher fossiler Abhängigkeit zu lösen. Dies führt zu massiven Deindustrialisierungstendenzen in Deutschland, wie ich in meinem Essay über Deutschlands Weg in den Interventionskapitalismus [blocked] detailliert analysiert habe. Gleichzeitig behalten sich die beiden Atommächte vor, in dem Sektor, der für sie überlebenswichtig ist, der Kernkraft, weiterhin Geschäfte mit dem Aggressor zu machen.
Der Preis für Europa und insbesondere für Deutschland ist enorm. Während die USA und Frankreich ihre Energieversorgung pragmatisch sichern, zahlt Europa Rekordpreise für US-Flüssiggas und verliert Industrie an mangelnde Wettbewerbsfähigkeit. Die Botschaft, die Washington an die Welt sendet, widerspricht fundamental den Forderungen an andere. Im April 2025 entfernte die US-Regierung ohne nähere Begründung prominente Akteure von der Sanktionsliste und nahm Russland von bestimmten neuen Strafzöllen aus, die Partner wie Kasachstan oder sogar die Ukraine treffen.
Der globale Glaubwürdigkeitsverlust
Diese Zwei-Zungen-Politik bleibt im globalen Süden nicht unbemerkt. Wenn US-Diplomaten heute in Neu-Delhi oder Pretoria vor Geschäften mit Russland warnen, ernten sie nur noch ein müdes Lächeln. Man weiß dort längst, dass der Westen alles sanktioniert, was ihm nicht weh tut, und alles bezahlt, worauf er nicht verzichten kann. Diese geopolitische Entwicklung verstärkt die Kriegsgefahr in Europa [blocked] erheblich. Indien, die Türkei und China wird Umgehung von Sanktionen vorgeworfen, während die US-Wirtschaft über legale Schlupflöcher Milliarden nach Moskau überweist.
Rosatom hat diese Situation genutzt, um sich global auszubreiten. Im Jahr 2025 unterzeichnete der Konzern mehr als 70 neue Vereinbarungen mit Ländern, wo Unterstützung für Sanktionen gegen Russland gering ist. In Niger beispielsweise verlagerte sich die Dynamik, nachdem die französische Uranmine nationalisiert wurde. Russland bietet nun eine nukleare Partnerschaft an, was Frankreich jahrzehntelang versprochen, aber nicht lieferte.
Fazit: Das Ende der wertebasierten Außenpolitik
Solange US-Dollar und Euro via Rosatom den russischen Haushalt stützen, sind Sonntagsreden über die Austrocknung der Kriegskasse reine Makulatur. Der Westen ist in seiner eigenen nuklearen Falle gefangen. Die Rückkehr zu einem gnadenlosen Transaktionalismus ist vollzogen. Was bleibt, ist das Ende der wertebasierten Außenpolitik.
Sanktionen funktionieren nur durch Konsistenz. Doch solange das US-Stromnetz an Moskaus Tropf hängt, Frankreich seine Kernkraftindustrie mit russischer Expertise versorgt und beide Länder massiv von russischen Rohstoffen profitieren, bleibt die westliche Außenpolitik das, was sie aktuell ist: Ein nukleares Glashaus, in dem man besser nicht mit Steinen werfen sollte.
Der Preis für diesen Verrat an den eigenen Prinzipien ist der totale Verlust der moralischen Autorität auf der Weltbühne und die zunehmende Erosion der westlichen Allianz, deren Fundament systematisch bröckelt.
Weitere Analysen zur westlichen Außenpolitik und Geopolitik [blocked] finden Sie in meinen Essays.
Über den Autor: Als unabhängiger Finanzberater und politischer Analyst [blocked] setze ich mich für eine ehrliche und konsistente Außenpolitik ein.