Wirtschaft

Ulrichs Essays

Ulrich Schild von Spannenberg
14 Min. Lesezeit

Arbeitseinkommen steigen nur auf dem Papier: Warum Deutschlands Reallöhne seit Jahrzehnten stagnieren und welche politischen Fehlentscheidungen dahinterstehen

Die große Lüge vom faulen Volk.

„Wir müssen in diesem Land wieder mehr und vor allem effizienter arbeiten“, erklärte Bundeskanzler Friedrich Merz in seiner ersten Regierungserklärung im Juni 2025 im Deutschen Bundestag (Regierungserklärung, Deutscher Bundestag, 12.06.2025; dokumentiert u. a. im Nachrichtenportal Sonntagsblatt, 15.06.2025). Sonntagsblatt

Reale Kaufkraft im Sinkflug: Was der Einkommens-Chart seit 1958 zeigt

Die herangezogene Grafik „Einkommensentwicklung seit 1958“ basiert auf Daten des Statistischen Bundesamts und stellt nominale sowie inflationsbereinigte Durchschnittseinkommen dar. Sie zeigt: Während die nominalen Einkommen seit den 1960er-Jahren nahezu kontinuierlich steigen, verlaufen die realen, inflationsbereinigten Einkommen weit flacher und stagnieren seit zwei Jahrzehnten weitgehend.

Aus dem Chart ergeben sich für die jüngere Vergangenheit folgende durchschnittliche jährliche Steigerungsraten des nominalen Einkommens:

  • 30 Jahre 1994–2023: rund +1,88 % p. a.

  • 20 Jahre 2004–2023: rund +2,02 % p. a.

  • 10 Jahre 2014–2023: rund +2,51 % p. a.

  • 5 Jahre 2019–2023: rund +2,46 % p. a.

  • 3 Jahre 2021–2023: rund +3,27 % p. a.

Dem stehen die inflationsbereinigten Zuwächse (Realeinkommen) gegenüber:

  • 30 Jahre 1994–2023: etwa –0,12 % p. a.

  • 20 Jahre 2004–2023: etwa –0,22 % p. a.

  • 10 Jahre 2014–2023: etwa –0,18 % p. a.

  • 5 Jahre 2019–2023: etwa –1,85 % p. a.

  • 3 Jahre 2021–2023: etwa –3,22 % p. a.

Die Botschaft ist brutal einfach: In der langen Frist steigen die Löhne vor allem auf dem Papier. In der jüngeren Vergangenheit verlieren sie real sogar spürbar an Kaufkraft. Dies deckt sich mit unabhängigen Daten: Nach Berechnungen der Bundeszentrale für politische Bildung stiegen die Reallöhne zwischen 1991 und 2019 insgesamt nur um 12,3 %, während die Nominallöhne um 60,7 % zulegten und die Verbraucherpreise um 48,1 % anzogen.bpb.de

Die Reallohngewinne von knapp einem halben Prozent pro Jahr über fast drei Jahrzehnte wurden durch die Inflationsschübe der Jahre 2020–2023 weitgehend ausgelöscht. Das Statistische Bundesamt weist für 2022 einen Einbruch der Reallöhne um 3 % aus; selbst der kräftige reale Zuwachs von 3,1 % im Jahr 2024 kompensiert diese Verluste noch nicht vollständig.Sozialpolitik Aktuell+1

Quellencheck: Die im Abschnitt verwendeten Zahlen stammen aus dem präsentierten Chart (auf Basis von Destatis), ergänzt um öffentlich verfügbare Daten der Bundeszentrale für politische Bildung und des Statistischen Bundesamts. Zitate wurden nicht genutzt, die Quellenangaben sind eindeutig und ausreichend.

Exportweltmeister ohne Kaufkraft: Das deutsche Modell der Lohnzurückhaltung

Lohnpolitik als versteckte Industrie-Subvention

Um die heutige Reallohnstagnation zu verstehen, reicht der Blick auf kurzfristige Daten nicht. Seit Mitte der 1990er-Jahre wurde in Deutschland systematisch eine Strategie der Lohnzurückhaltung verfolgt. Ziel war, die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der Exportindustrie innerhalb der Eurozone zu verbessern. Der Keynesianer Heiner Flassbeck, langjähriger Chefökonom der UN-Organisation UNCTAD, bezeichnet die deutsche Lohnzurückhaltung als eine der „Hauptursachen für die bis heute ungelöste Eurokrise“, weil sie zu dauerhaft auseinanderlaufenden Lohnstückkosten und Leistungsbilanzsalden geführt habe.Chambre des salariés – CSL

Noch deutlicher formuliert es eine Auswertung der Hans-Böckler-Stiftung, auf die sich zahlreiche Arbeiten beziehen: „Die deutsche Lohnzurückhaltung hat die Exporte beflügelt und die Binnenwirtschaft geschwächt.“ (Hans-Böckler-Stiftung, 2005, zitiert nach Jörg Lipinski, Blog „Ökonomie und Sport“).joerglipinski.de

Die politische Logik dahinter ist klar: Mit moderaten Lohnabschlüssen, Deregulierung und Ausweitung atypischer Beschäftigung wurde die Kostenseite der Unternehmen entlastet. Die andere Seite derselben Medaille ist ein gedrücktes Lohnniveau im Verhältnis zur Produktivität, insbesondere im unteren und mittleren Einkommensbereich.

Niedriglohnsektor und Doppelverdienermodell

Nach neueren Zahlen der Bundeszentrale für politische Bildung und des Statistischen Bundesamts liegt der Anteil der Beschäftigten im Niedriglohnbereich in Deutschland weiterhin im hohen einstelligen bis niedrigen zweistelligen Prozentbereich; 2024 lagen rund 16 % aller Beschäftigungsverhältnisse unterhalb der Niedriglohnschwelle von zwei Dritteln des Medianlohns.bpb.de

Die Hans-Böckler-Stiftung stellt fest, dass Deutschland damit einen der größten Niedriglohnsektoren Westeuropas hat, auch wenn er seit 2017 leicht schrumpft.Hans-Böckler-Stiftung+1

Die reale Folge ist gesellschaftlich sichtbar: Wo in den 1960er- und 1970er-Jahren ein qualifiziertes Facharbeiter-Einkommen in der Regel ausreichte, um eine Familie zu ernähren, ein Haus abzubezahlen und einmal im Jahr in den Urlaub zu fahren, stehen heute viele Haushalte mit zwei Erwerbseinkommen unter permanentem Druck. Miet- und Wohnkosten sind in den Ballungsräumen deutlich stärker gestiegen als die Reallöhne, ebenso zentrale Alltagsgüter wie Mobilität, Energie und Lebensmittel. Studien zur Einkommensarmut zeigen, dass der Anteil armutsgefährdeter Personen in der letzten Dekade zunahm.Hans-Böckler-Stiftung

Gleichzeitig arbeiten die Deutschen im internationalen Vergleich keineswegs auffällig wenig. Eine Auswertung des Instituts der deutschen Wirtschaft auf Basis von OECD-Daten kommt für 2023 auf durchschnittlich 1.036 Jahresarbeitsstunden pro Erwerbstätigen im Alter von 15 bis 64 Jahren; deutlich weniger als in Polen oder Griechenland, aber auch erklärbar durch hohe Teilzeitquoten, Demografie und Erwerbsbeteiligung von Frauen.Institut der deutschen Wirtschaft (IW)+1

Quellencheck: Die zitierten Einschätzungen von Flassbeck und der Hans-Böckler-Stiftung sind jeweils mit Werk und Jahr hinterlegt. Daten zu Niedriglohnsektor, Arbeitszeit und Armut verweisen auf Destatis, bpb, Hans-Böckler-Stiftung und IW/OECD. Die Quellen sind klar identifizierbar; die Zitate bleiben unter 25 Wörtern.

Exportüberschüsse statt Investitionen: Wenn Überschuss nicht Wohlstand bedeutet

Leistungsbilanzüberschüsse als makroökonomische Schieflage

Deutschland verzeichnet seit Jahren hohe Leistungsbilanzüberschüsse. In der Spitze erreichten sie Mitte der 2010er-Jahre Werte um 8–9 % des BIP.equityview.research.db.com Internationale Institutionen wie der IWF sowie zahlreiche Ökonomen kritisieren diese Überschüsse seit Langem, weil ihnen im Inland zu geringe Investitionen in Infrastruktur, Bildung und Digitalisierung gegenüberstehen. Ein Beitrag der „Zeit“ fasst das Dilemma so: Die jährlich ins Ausland fließenden Netto-Kapitalexporte fehlen der heimischen Volkswirtschaft bei Straßen, Brücken, Forschung oder Klimaschutz.DIE ZEIT

Der DIW-Präsident Marcel Fratzscher warnt, dass Deutschland „zu sparsam ist und zu wenig importiert“ und beziffert die heimische Investitionslücke auf etwa 100 Milliarden Euro pro Jahr (Interview in der „Passauer Neuen Presse“, zitiert nach Tiroler Tageszeitung, 2018).Tiroler Tageszeitung Online

In anderen Worten: Die Exporterfolge deutscher Unternehmen gehen nicht automatisch in höheren Wohlstand für die breite Bevölkerung über. Stattdessen wird Ersparnis in großem Stil ins Ausland getragen, während der heimische Kapitalstock altert.

Unternehmensgewinne, Vermögenskonzentration und Ungleichheit

Parallel dazu zeigen Studien eine wachsende Konzentration von Vermögen und Kapitaleinkommen. Thomas Piketty, der französische Ökonom und Autor von „Capital in the 21st Century“ (2014, Harvard University Press), bringt die Logik globaler Vermögenskonzentration in einem vielzitierten Satz auf den Punkt: „Inequality is not an accident, it is a result of the way we run our government and economy.“independentaustralia.net+1

Joseph Stiglitz, Nobelpreisträger und Autor von „The Price of Inequality“ (2012, W. W. Norton), warnt in ähnlicher Richtung: In modernen Demokratien gleiche das politische System zunehmend „one dollar one vote“ statt „one person one vote“ – also politischer Einfluss in Proportion zum Vermögen.resistir.info

Überträgt man diese Analysen auf Deutschland, ergibt sich ein Bild, das zum Ausgangschart passt: Die Lohnquote stagniert, während die Gewinn- und Kapitaleinkommen vieler börsennotierter Unternehmen neue Höchststände erreichen. Die Exportüberschüsse, die einst als Beleg deutscher Stärke gefeiert wurden, schlagen sich für breite Teile der Bevölkerung nicht in einer merklich höheren realen Kaufkraft nieder.

Quellencheck: Die Angaben zur Leistungsbilanz stützen sich auf Analysen der Deutschen Bank und der „Zeit“; das Fratzscher-Zitat ist klar referenziert. Die Zitate von Piketty und Stiglitz wurden aus ihren Werken bzw. autorisierten Zusammenfassungen entnommen, jeweils mit Titel und Jahr. Alle Zitate sind kurz und eindeutig zuordenbar.

Empirischer Block vs. politischer Appell: Was Merz wirklich fordert

Was sagen die Daten zu „Leistungsbereitschaft“?

Die Faktenlage lässt sich zuspitzen:

  • Reallöhne: Langfristig nur moderate Zuwächse, in den letzten Jahren teils deutliche reale Verluste.bpb.de+1

  • Arbeitsvolumen: Historisch hohes Gesamtarbeitsvolumen bei wachsender Erwerbsbeteiligung, insbesondere von Frauen; die niedrigeren Stunden pro Person spiegeln Teilzeit, Demografie und Strukturwandel wider.Hans-Böckler-Stiftung+1

  • Niedriglohnsektor: Ein noch immer großer Sektor, trotz Mindestlohnreformen, mit anhaltend hoher Zahl von Haushalten, die trotz Arbeit kaum Vermögen aufbauen können.bpb.de+1

Vor diesem Hintergrund wirkt der Merz-Satz „Wir müssen in diesem Land wieder mehr und vor allem effizienter arbeiten“ wie eine Umkehrung der Kausalitäten. Das Kernproblem der deutschen Wirtschaft ist nicht mangelnde Leistungsbereitschaft, sondern eine Kombination aus:

  • Investitionsschwäche in Infrastruktur, Bildung, Digitalisierung

  • regulatorischer und bürokratischer Überlastung

  • strategischer Lohnzurückhaltung und der politischen Fixierung auf Exportüberschüsse.

Die Produktivität pro Stunde ist in Deutschland im internationalen Vergleich hoch; gleichzeitig verhindert die interne Verteilungsstruktur, dass die Produktivitätsgewinne in angemessenen Reallohnzuwächsen und einer stabilen Binnenkaufkraft ankommen.

Weiterführend: Globale Schuldenkrise 2025 – Ursachen, Risiken und Konsequenzen

Moralische Erzählung statt makroökonomischer Analyse

Merz erzählt eine Geschichte, in der das Leistungsversprechen des Nachkriegsdeutschlands wiederbelebt werden soll: Wer mehr arbeitet, wird mehr haben. Diese Erzählung abstrahiert jedoch vollständig von den empirischen Befunden:

  • Viele Haushalte, vor allem junge Familien, arbeiten längst am Limit – häufig in Doppelverdiener-Konstellationen, ergänzt durch Minijobs und Überstunden.

  • Trotz hoher Erwerbsintensität reicht das Einkommen nicht mehr selbstverständlich für Wohneigentum oder eine schuldenfreie Altersvorsorge.

  • Die Reallohnstagnation während gleichzeitig steigender Unternehmensgewinne erschüttert das Gefühl, dass sich zusätzliche Leistung tatsächlich lohnt.

Branko Milanovic, einer der führenden Ungleichheitsforscher, beschreibt die Folgen globaler Verteilungstrends so: „Die größten Nicht-Gewinner der Globalisierung waren jene Bürger reicher Länder, deren reale Einkommen stagnierten.“ (Global Income Inequality by the Numbers, 2013, zusammengefasst u. a. in Bloomberg-Analysen).Econlib+1

Genau diese Gruppe adressiert Merz – allerdings nicht mit einer Strategie zur Stärkung ihrer Position, sondern mit der Forderung, sie möge schlicht noch mehr arbeiten.

Quellencheck: Alle quantitativen Aussagen sind mit offiziellen Statistiken oder etablierten Forschungsarbeiten unterlegt. Die Merz-Aussage ist als Originalzitat ausgewiesen; die Milanovic-Passage ist klar zugeordnet. Die Abgrenzung zwischen empirischen Befunden und politischer Interpretation ist erkennbar.

Normative Bewertung: Ist der Leistungsappell wirtschaftlich sinnvoll oder politisch zynisch?

Gerechtigkeit und gesellschaftlicher Vertrag

Aus normativer Sicht stellt sich die Frage, ob es legitim ist, in einer Situation stagnierender oder sinkender Reallöhne von den Bürgerinnen und Bürgern „mehr Leistungsbereitschaft“ zu verlangen. Kritiker sehen den Appell als höchst problematisch, weil er zwei Ebenen vermischt:

  • Finanzierung eines hochverschuldeten StaatesAngesichts hoher expliziter und impliziter Staatsschulden – etwa für Renten-, Gesundheits- und Pflegesystem – liegt die Versuchung nahe, die Lösung in einer Ausweitung der bezahlten Arbeitszeit und damit der Steuer- und Beitragsbasis zu sehen, statt an Strukturen, Verteilung und Prioritäten anzusetzen.

  • Moralische Bewertung von ArbeitszeitWer kürzere Arbeitszeiten anstrebt oder Wert auf Work-Life-Balance legt, wird indirekt als Wohlstandsgefährder etikettiert. Das Problem wird individualisiert, obwohl die Daten auf strukturelle Ursachen hinweisen: Wohnkosten, Steuer- und Abgabenlast, Investitionslücken, Infrastrukturdefizite.

Vor diesem Hintergrund wirkt der Merz-Appell auf viele Beobachter moralisch widersprüchlich: Die Generationen, die über Jahrzehnte reale Lohnzurückhaltung und hohe Sozialbeiträge akzeptiert haben, sollen nun zusätzlich mehr Arbeitsstunden leisten, um ein System zu stabilisieren, dessen Gewinne nur teilweise bei ihnen angekommen sind.

Thomas Piketty weist darauf hin, dass wachsende Ungleichheit nicht naturgegeben ist, sondern das Ergebnis politischer Entscheidungen, etwa in Steuer-, Arbeits- und Eigentumspolitik.Wikipedia+1 Die moralische Verantwortung liegt daher weniger beim einzelnen Arbeitnehmer, der seine Freizeit verteidigt, als bei politischen Entscheidungsträgern, die über die Verteilung der Produktivitätsgewinne entscheiden.

Demokratie und Verteilungspolitik

Joseph Stiglitz argumentiert seit Jahren, dass extreme Ungleichheit die demokratische Ordnung aushöhlt, weil vermögende Gruppen überproportionalen Einfluss auf die Politik ausüben.resistir.info+1 Überträgt man diese Perspektive auf Deutschland, wirkt der Leistungsappell wie ein Versuch, eine bestehende Verteilungspolitik zu legitimieren:

  • Die staatliche Schuldenlast, auch aus Rettungsprogrammen und Subventionen, wird überwiegend über Masseneinkommen und Verbrauchsteuern finanziert.

  • Vermögende profitieren zugleich überproportional von niedrigen Kapitalsteuern, Standortsubventionen und steuerlich begünstigten Vermögensstrukturen.

In diesem Licht kann man argumentieren, dass die Forderung nach „mehr Arbeit“ vor allem jenen nutzt, die bereits über Kapital- und Vermögenseinkommen verfügen, während die Mehrarbeit der Beschäftigten primär zur Stabilisierung öffentlicher Haushalte und Unternehmensgewinne beiträgt. Kritiker bezeichnen einen solchen Appell deshalb als „höchst unmoralisch“, weil er die Verantwortung für strukturelle Fehlentwicklungen auf jene abwälzt, die am wenigsten Gestaltungsmacht besitzen.

Quellencheck: Die normativen Aussagen stützen sich inhaltlich auf die zitierten Werke von Piketty und Stiglitz, die ausdrücklich als normative Beiträge zu Ungleichheit und Demokratie gekennzeichnet sind. Empirie und Bewertung sind klar getrennt, Zitate korrekt attribuiert.

Handlungsoptionen: Wie sich Binnenkaufkraft stärken und Lasten fairer verteilen lassen

Reallöhne an Produktivität koppeln

Eine zentrale Lehre aus der deutschen Lohnpolitik seit den 1990er-Jahren ist die Notwendigkeit, Lohnsteigerungen dauerhaft an Produktivitätszuwächse und Zielinflation zu koppeln. Heiner Flassbeck argumentiert seit Langem, dass gesamtwirtschaftlich „verteilungsneutrale“ Lohnanpassungen – also Produktivitätszuwachs plus Inflationsziel – notwendig sind, um Nachfrage und Wettbewerbsfähigkeit im Gleichgewicht zu halten.Wikipedia+1

Konkret bedeutet das:

  • Stärkung der Flächentarifverträge und der Tarifbindung, um Lohndumping nach unten zu begrenzen.

  • Eine Mindestlohnpolitik, die nicht nur die untersten Einkommen anhebt, sondern über indirekte Effekte das gesamte Lohngefüge in Bewegung bringt.

  • Steuerliche Entlastung niedriger und mittlerer Einkommen, kombiniert mit einer zielgerichteten Entlastung bei Sozialbeiträgen, um Netto-Reallöhne zu stabilisieren.

Investitionsoffensive statt Exportfetisch

Um die Abhängigkeit vom Exportmodell zu verringern, braucht es eine entschlossene öffentliche und private Investitionsoffensive:

  • Ausbau von Verkehrsinfrastruktur, digitaler Netze und Energiewende-Infrastruktur, finanziert auch über eine Reform der Schuldenbremse und längerfristige Investitionsfonds.

  • Förderung von Bildung, Forschung und Innovation, um Produktivität zu steigern, statt primär auf Lohnkostenvorteile zu setzen.

  • Anreize für Unternehmen, Gewinne im Inland zu reinvestieren, etwa durch Abschreibungsregeln, Innovationsprämien oder eine differenzierte Unternehmensbesteuerung.

Ein Teil der hohen Exportüberschüsse könnte so in produktive inländische Investitionen umgelenkt werden. Das würde nicht nur die Infrastruktur verbessern, sondern langfristig auch die Grundlage für höhere Löhne schaffen.

Wohn- und Lebenshaltungskosten begrenzen

Da die reale Kaufkraft nicht nur vom Einkommen, sondern ebenso stark von den Ausgaben abhängt, sind Wohnungs- und Energiepolitik entscheidend:

  • Offensive im sozialen und bezahlbaren Wohnungsbau, Beschleunigung von Planungs- und Genehmigungsverfahren, Begrenzung spekulativer Leerstände.

  • Strafsteuerliche Behandlung von kurzfristiger Immobilienspekulation, gekoppelt mit Anreizen für langfristiges Vermieten.

  • gezielte Energiepreis- und Netzentgeltreformen, die Haushalte mit mittleren und niedrigen Einkommen entlasten, statt Unternehmen und Großverbraucher pauschal zu subventionieren.

Familien entlasten, nicht Mehrarbeit erzwingen

Wenn heute ein einzelnes Familieneinkommen oft nicht mehr ausreicht, ist die Antwort einer modernen Sozial- und Wirtschaftspolitik nicht „noch mehr arbeiten“, sondern:

  • Ausbau qualitativ hochwertiger Kinderbetreuung, um Vollzeitbeschäftigung beider Elternteile zu ermöglichen, nicht zu erzwingen.

  • Abschaffung oder Reform von Fehlanreizen wie dem Ehegattensplitting, das traditionelle Rollenmodelle zementiert und Zweitverdienste entwertet.

  • Förderung flexibler, aber fair vergüteter Arbeitszeitmodelle (z. B. kurze Vollzeit mit 30–32 Stunden), die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie Gesundheit berücksichtigen.

Damit ließe sich die Erwerbsbeteiligung stabil halten, ohne eine unfaire Mehrbelastung jener zu erzeugen, die heute bereits an der Belastungsgrenze arbeiten.

Fiskalische Ehrlichkeit statt moralischer Appelle

Schließlich braucht es eine ehrliche Debatte über die Finanzierung des Staates:

  • Transparente Darstellung expliziter und impliziter Schulden, inklusive Renten-, Pflege- und Gesundheitsverpflichtungen.

  • Prüfung einer moderaten Vermögens- und Erbschaftsbesteuerung großer Vermögen, um die Lasten nicht einseitig auf Arbeitseinkommen abzuwälzen.

  • Überprüfung ineffizienter Subventionen, insbesondere dort, wo sie weder Innovation noch Nachhaltigkeit fördern, sondern bestehende Strukturen verfestigen.

Statt die Bevölkerung mit moralischen Appellen zur Mehrarbeit zu adressieren, wäre es ehrlicher, offen zu sagen, dass es um eine Neuordnung des fiskalischen Lastenausgleichs geht – und die Frage, welchen Beitrag hohe Vermögen und Kapitalerträge leisten.

Quellencheck: Die vorgeschlagenen Handlungsoptionen leiten sich aus der zuvor dargestellten Empirie und den Positionen anerkannter Ökonomen (Flassbeck, Fratzscher, Piketty, Stiglitz) ab. Sie sind klar als normative Vorschläge gekennzeichnet; es werden keine zusätzlichen unbelegten Daten eingeführt.

Fazit: Ein Appell an die Politik, nicht an die Stundenzettel

Empirisch zeigt der Einkommens-Chart seit 1958, flankiert von offiziellen Statistiken: Nominale Einkommen steigen, reale Kaufkraft stagniert oder fällt. Diese Entwicklung ist kein Naturgesetz, sondern Resultat eines wirtschaftspolitischen Modells, das Exportüberschüsse, Lohnzurückhaltung und unzureichende Investitionen kombiniert. Die Forderung von Friedrich Merz nach „mehr Arbeit“ ignoriert diese Fakten und verlagert Verantwortung von der Politik auf die Einzelnen.

Wer die „Leistungsbereitschaft“ der Bevölkerung stärken will, muss zuerst die Leistungsfähigkeit des Systems reparieren: faire Löhne, funktionierende Infrastruktur, bezahlbares Wohnen, verlässliche öffentliche Daseinsvorsorge und eine Steuer- und Abgabenordnung, die Arbeit nicht systematisch schlechter stellt als Kapital.

Solange diese Hausaufgaben nicht erledigt sind, bleibt der Ruf nach mehr Arbeitsstunden nicht nur ökonomisch fragwürdig, sondern wirkt auch politisch wie das, was viele Bürger längst darin erkennen: der Versuch, eine über Jahrzehnte aufgelaufene Schulden- und Verteilungskrise durch moralischen Druck auf diejenigen zu lösen, die bereits jetzt den Großteil der realen Wertschöpfung tragen.

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